Warum Psychodynamisches Coaching?

Das Wissen über Organisationen, Organisationsentwicklung, Change-Management und Führung ist in den letzten Jahrzehnten exponentiell gewachsen. Bei der größten Suchmaschine finden sich allein im deutschsprachigen Raum 2,6 Milliarden Einträge zu „Management“ und 38 Millionen Einträge zu „Führung.“

Wie kann es sein, dass trotzdem so viele Management-Fehler entstehen, so viele Organisationen bei Veränderungsprozessen scheitern und viele Unternehmen ein erschreckendes Krisen-Management veranstalten ?

Es scheint ähnlich wie bei der Ernährung und beim Gesundheitsverhalten:
Menschen wissen heute mehr den je über gesunde Ernährung, halten sich aber immer weniger daran – BMEL-Ernährungsreport 2018 (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft).
Der DKV-Report 2018 belegt ausserdem, dass sich nur 9 % von 2885 Befragten in den fünf Bereichen: körperliche Aktivität, Ernährung, Rauchen, Alkohol, Umgang mit Stress) gesund leben (Lit ). daran halten.

Woran kann es liegen, dass es fast ebenso viele Ratgeber, Berater, Coaches gibt, die alle Lösungsvorschläge anbieten, und trotzdem so viel schief läuft ?

Bei der Suche nach den Ursachen stossen wir immer wieder auf irrationale (unvernünftige) Faktoren:

Immer wieder hören und lesen wir von:

  • erfolgreichen Chefs, die bei der Übergabe der Firma an ihre Nachfolger scheitern,
  • da hören wir davon, dass Veränderungen nicht durchgesetzt werden können, weil sich Mitarbeiter wehren,
  • da ist der Krankenstand in einigen Firmen  oder Berufsgruppen überdurchschnittlich hoch.
  • da tragen Mitarbeiter ihre privaten Probleme in die Firmen
  • das benutzen Firmenchefs das Unternehmen mehr für ihr Ego, als für die Unternehmensziele

Diese Aufzählung liesse sich mühelos fortsetzen.

Doch wie kommt das Unvernünftige, wie kommt das Private in die Unternehmen ?

Um das zu verstehen, muss man etwas über Motivationen, Widerstände, über das Funktionieren von Organisationen und Gruppen verstehen.

Hier hilft Wissen über die Psychodynamik bei Einzelnen, in Gruppen und in Organisationen.

Ein kurzer Exkurs: Die Psychodynamik beschreibt die Dynamik (Bewegungen) der Psyche, wie es eine Dynamik in der Mechanik und Technik gibt.

Die Ursprünge hat diese Erkenntnisse aus der Psychoanalyse, die sich seit der Zeit Freuds rasant weiterentwickelt hat (Lit) .

Inzwischen gibt es umfangreiches Expertenwissen über die Psychodynamik des Einzelnen, über das Funktionieren und die Dynamik in Gruppen und Organisationen.

Daraus lassen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, warum sich Menschen einzeln, in Arbeitsgruppen und in Organisationen unvernünftig verhalten und dabei über ihre Motive oft nur unzureichend Bescheid wissen.
Auch das Funktionieren ganzer Organisationseinheiten ist oft irrational und den Beteiligten trotzdem verborgen.

Das Unbewußte in Organisationen

Denn viele Prozesse, die unser Handeln beeinflussen, sind unbewußt. Nichts desto weniger sind sie sehr stark und mächtig.
Um das verständlicher zu machen, kann man sich auch der Transaktionsanalyse bedienen, die von inneren Antreibern spricht.
Denn bei der Arbeit in Firmen sind diese Begriffe oft sehr hilfreich, da sie unmittelbar einleuchten (siehe dazu auch den Beitrag zur Transaktionsanalyse im Coaching auf dieser Website).
Wenn es also jemand z.B. allen recht machen will, immer perfekt sein muss und seine Arbeit nie gut genug ist, nützt er wahrscheinlich kurzfristig dem Unternehmen.
Er (oder Sie) ist aber extrem Burnout gefährdet, was mittel- und langfristig zu langen Krankheitsausfällen führen kann.

Wir – als Psychoanalytiker – gehen also davon aus, dass unbewußte Faktoren bei der Führung und im Unternehmen eine wichtige, manchmal entscheidende Rolle spielen.
Diese unbewußten Faktoren können die notwendigen Prozesse in Unternehmen behindern oder unmöglich machen.
Und so können möglicherweise bei den o.g. Problemen folgende Konflikte zugrunde liegen:

  • ein Chef kann bei der Übergabe der Firma ein Konkurrenzproblem haben oder sich gegen den eigenen Ruhestand wehren,
  • So können Mitarbeiter bei Veränderungsprozesse befürchten, erkämpfte Privilegien zu verlieren,
  • Mobbing, Führungsschwächen oder mangelnde Organisation können den Krankenstand in Firmen  in die Höhe treiben.
  • Mitarbeiter, die möglicherweise private Probleme mit Angehörigen nicht lösen können, tragen diese möglicherweise in das Unternehmen (oder übertragen Konflikte auf Kollegen oder Vorgesetzte)
  • Firmenchefs, die eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben, können Mitarbeiter darunter immer wieder leiden lassen.

Das ist nur eine Auswahl, die verdeutlichen soll, dass bei all diesen, z.T,. unbewußten Konflikten psychodynamische Coaches hilfreich sein können.

Sie können betroffenen Einzelnen oder Unternehmen helfen, die unbewußten Widerstände zu identifizieren, die ein rationales Verhalten bisher unmöglich gemacht haben und gemeinsam Lösungen erarbeiten (Doppler, et al, 2002)*

 

*Lohmer,M.: Psychodynamische Organisationsberatung, Klett-Cotta, 2000
*Grimmer, B.: Coaching und Psychotherapie, VFS, 2009
*Doppler, K,: Unternehmenswandel gegen Widerstände, Campus, 2002

Coaching für Führungskräfte, Supervision für Coaches

Supervision und Coaching sind Begriffe für zwei Beratungsformate, die oft verwechselt werden. Oft werden die beiden Formen der Beratung auch nicht klar unterschieden, obwohl sie eine unterschiedliche Historie, unterschiedliche Ansprechpartner und unterschiedliche Einsatzgebiete haben.

Oft machen Berater auch beides, ohne den Ansprechpartnern die Unterschiede zu erläutern.
Im Folgenden sollen die Unterschiede deshalb noch einmal deutlich gemacht werden.

Was ist Supervision ?

Supervision ist die ältere Beratungsform. Sie wurde in den 70er Jahren in den USA entwickelt und war von Anfang an ein Format zur Unterstützung und Beratung von Professionellen, die mit Kunden*innen / Klienten*innen arbeiten.

Sie wurde für Sozialarbeiter und Psychotherapeuten eingesetzt und stellt heute einen Pflichtbestandteil jeder therapeutischen Ausbildung  in Deutschland dar (Psychotherapeutengesetz, ärztliche Weiterbildungsordnung).

Supervisoren müssen eine zertifizierte Ausbildung absolvieren und sich für die Tätigkeit als Supervisoren qualifizieren.

Was ist Coaching?

„Coaching ist die professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungskräfte- / Steuerungsfunktionen und von Experten in Unternehmen / Organisationen. Zielsetzung von Coaching ist die Weiterentwicklung von individuellen und kollektiven Lern- und Leistungsprozessen bzgl. beruflicher Anliegen.“ (Definition des Deutschen Bundesverband Coaching e.V., DBVC).
Diese Beratung bezieht sich also auf die Führungskraft in Unternehmen und zielt auf die Verbesserung der Steuerung- und Leitungsfunktion.

Nach wie vor ist der Begriff Coaching berufsrechtlich nicht geschützt. Deswegen bemüht sich der DBVC um die Qualitätsstandards und die Professionalisierung des Coaching und der Coaches.

Dr. Astrid Schreyögg, Psychologin mit jahrelanger Supervision- und Coachingerfahrung schreibt:

„In der Supervision geht es darum, Leute zu beraten, die ihrerseits Klienten beraten, z.B. Psychotherapeuten oder Sozialarbeiter. Sie werden darin unterstützt, wiederum ihre Klienten möglichst gut beraten zu können.
Im Coaching hingegen geht es darum, Leute dahingehend fit zu machen, dass sie das System, in dem sie tätig sind, ,möglichst optimal steuern.“
(Coaching-Magazin, 4,2017, S. 14-21).

Warum brauchen Coaches Supervision ?

Wie beschrieben sind der Coaching Begriff und die Ausbildung zum Coach nicht geschützt. Unterschiedliche Wege und Qualitätsstandards führen nach Rom und zum Coach.
Fü die Professionelle Beratung sind aber Qualitätskriterien und eine zertifizierte Ausbildung notwendig. Darum bemüht sich der DBVC seit Jahren (s.o.).

Darüber hinaus brauchen aber Coaches, die eine abgeschlossene Ausbildung absolviert haben, eine Qualitätssicherung ihrer täglichen Arbeit.
Dazu sind Fort- und Weiterbildung ebenso notwendig, wie eine „Supervision“ der täglichen Arbeit mit Klienten und Führungskräften.

Das was für Psychotherapeuten und für die meisten anderen sozialen Berufen selbstverständlich ist, sollte es auch bei der intensiven Arbeit von Coaches als fester Bestandteil der Coaching-Praxis eingeführt werden:
eine Supervision zur Aufrechterhaltung der professionellen Unabhängigkeit, der Sicherung eines hohen Standards der Beratung.

Das dient gleichzeitig dem Coach, dem Ruf des Coaching und der Führungskraft, die sich coachen lässt.